Bayern-Agenda

Gesamttext: "Bayern-Agenda 21"

 

Nachhaltige Entwicklung als Querschnittsaufgabe

"Bildung/Erziehung einschließlich formaler Bildung, öffentliche Bewusstseinsbildung und berufliche Ausbildung sind als ein Prozess zu sehen, mit dessen Hilfe die Menschen als Einzelpersonen und die Gesellschaft als Ganzes ihr Potential voll ausschöpfen können. Bildung ist eine unerlässliche Voraussetzung für die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und die Verbesserung der Fähigkeit der Menschen, sich mit Umwelt- und Entwicklungsfragen auseinanderzusetzen."

(Ag 21, 36)

So wird in der Agenda 21 die Aufgabe der Umweltbildung definiert. Anhand dieser Forderung soll kurz Rückblick gehalten werden, wie der Stand der Umweltbildung in Bayern ist und welche Perspektiven derzeit bestehen.

Das erste Umweltprogramm der Bundesregierung von 1971 forderte z. B. die Berücksichtigung der Umwelterziehung in allen Bildungsbereichen. Die Forderungen zur Umwelterziehung auf der UN-Konferenz in Stockholm 1972, der UNESCO-Konferenz in Tiflis 1977 und der UNESCO-Tagung in München 1978 zeigten 1980 erste Ergebnisse in der Verabschiedung des Beschlusses der Kultusministerkonferenz zu Umwelt und Unterricht. Bayern ergänzte 1984 seine Verfassung und fügte Umweltschutz und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt als oberstes Bildungsziel mit den Artikeln 3 Abs. 2, 141 und 131 Abs. 2 ein. In Bayern existierten seit 1976 fächerübergreifende Leit und Richtziele für die schulische Umwelterziehung , die 1990 in den Erlass der Richtlinien für die Umwelterziehung an den bayerischen Schulen mündeten.

Mit der Konferenz von Rio 1992 bekam die Umweltbildung eine neue Dimension: Die Nachhaltigkeit (Sustainable Development) wurde zum Leitziel. Die Umweltbildung versucht derzeit mit dem Begriff der Nachhaltigkeit unter Einbeziehung globaler Betrachtungen neue ethisch begründete Denk- und Verhaltensmuster zu schaffen, die die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen und einen sorgsamen, nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen mit dem Ziel eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Ökologie und Ökonomie beinhalten.

Umweltbildung wird dabei als gesamtgesellschaftlicher Lernprozess verstanden, der kommunikativ und partizipativ für alle Bevölkerungsgruppen angelegt ist; sie führt kein "Nischendasein" mehr.

Die Perspektiven der Umweltbildung liegen in einem nachhaltigen Bildungsverständnis, das interdisziplinär verschiedene Ansätze und Strömungen verbindet.

 

Ziele und Aufgaben der Umweltbildung

Bayern-Agenda 21, Seite 338-339:

"...

Umweltbildung braucht wie alle Bildung eine ethische Fundierung. Sie beinhaltet Maßstäbe und einen Orientierungsrahmen für die Beziehung des Menschen zu seiner natürlichen Mitwelt. Die Bedeutung der natürlichen Mitwelt für den Menschen liegt darin, dass sie für ihn die primäre Lebens- und Sinngrundlage bildet. Die Schätze der Natur, die vom Menschen oft bloß als ökonomischnutzbare Ressourcen gesehen werden, haben in sich einen eigenen Wert und sind uns Menschen anvertraut, sie zu pflegen, sorgsam zu behandeln und vor Missbrauch und Zerstörung zu bewahren.

Umweltbildung hat den ganzen Menschen im Blick, seine kognitiven wie auch seine affektiven Kräfte, den Menschen mit Verstand, Herz und Hand. Trotz vieler Informationen über Natur und Umwelt durch die Medien und über die Bildungsarbeit ist das tatsächliche Fachwissen über ökologische Zusammenhänge immer noch zu gering. Sachinformationen bleiben aber folgenlos, wenn sie ohne emotionale Verankerung angeboten werden. Eine sinnenhafte und ästhetische Wertschätzung der Natur als unsere Lebensgrundlage muss deshalb die Basis der Umweltbildung darstellen.

Umweltbildung wendet sich dem jeweiligen Alter, Entwicklungsstand und Lernvermögen entsprechend zuerst an den einzelnen. Sie will ihm Hilfestellung anbieten für das Einüben eines dauerhaft-umweltgerechten und zukunftsfähigen Lebensstils im Umgang mit den Schätzen der Natur. Dabei wird dem einzelnen ersichtlich, in welchem komplexen Beziehungs- und Wirkungsgeflecht von Ökonomie, Ökologie Politik und Gesellschaft er selbst und sein Umfeld stehen. Umweltbildung hat den Auftrag, diese deutlichen Ziel- und Interessenkonflikte lösen zu helfen.

Umweltbildung vermittelt dem einzelnen die Einsicht in seiner Rolle als Verursacher und Betroffener von Umweltschäden, macht ihm aber auch die entsprechende Verursacherrolle der Gesellschaft und ihrer Politik, Wirtschaft und Industrie bewusst. Daraus wird dem einzelnen deutlich, dass umweltschädigende Trends einer baldigen Umkehrung bedürfen. Umweltbildung will deshalb befähigen, auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen hinzuwirken, die umweltgerechte Lebens- und Wirtschaftsweisen ermöglichen und fördern. Somit ist Umweltbildung immer auch politische Bildung. Positive Beispiele sind die kommunalen Agenda-Prozesse, in denen Umweltbildung als Querschnittsaufgabe zur Entwicklung einer zukunftsfähigen Gemeinde beitragen kann.

Umweltbildung zielt darauf ab, die Trennung von Lernen und Handeln und damit auch die immer wieder beklagte Kluft zwischen verbal geäußertem Umweltbewusstsein und dem konsequenten praktischen Handeln zu überwinden. Sie fördert handlungsorientierte Lernprozesse, die für den Lernenden persönlich bedeutsam und handlungsleitend sind. Durch Einwirkung auf die Gegebenheiten vor Ort erhält der einzelne eine echt Rückmeldung über sein Engagement.

Umweltbildung will die Zusammenhänge aufzeigen zwischen dem Lebensstil des einzelnen und gesellschaftlichen Handlungsmustern. Diese Zusammenhänge und Wechselbeziehungen, die der einzelne vorrangig in seinem lokalen und regionalen Umfeld erlebt, müssen auch für den globalen Bereich bewusst gemacht werden, z.B. Klimaveränderungen, Schäden der Ozonschicht. Hier stehen wir nicht nur in der Mitverantwortung für die "Dritte Welt", sondern sind der "Eigenen Welt" verpflichtet.

Umweltbildung will die Kluft zwischen postulierten Zielen und praktizierten Verhaltensweisen möglichst gering halten. Sie ermutigt mit der Komplexität und den Spannungen des Handlungsfeldes "Umwelt" sowie auch mit menschlichen Unzulänglichkeiten konstruktiv umzugehen.

Umweltbildung verfolgt zukünftig verstärkt die Kooperation und die Vernetzung der verschiedenen Bildungsträger. Dies bedeutet auch den Austausch zwischen schulischer Umwelterziehung und außerschulischer Umweltbildung, Kooperationsprojekte mit Wirtschaft und Verbänden sowie die Schaffung örtlicher Arbeitsgemeinschaften.

Die Umweltbildung der Bevölkerung ist das Fundament, auf dem alle weiteren Bemühungen um einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen aufbauen müssen. Sie umfasst die Umwelterziehung in Kindergarten, Schule und beruflicher Ausbildung, die umweltpädagogische Arbeit in den Jugendverbänden sowie die Angebote der Medien.
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(aus Bayern-Agenda)